Das Recht auf Dummheit gehört zur Garantie der freinen Entfaltung der Persönlichkeit. (Mark Twain)

Bedeutet Integration/Wissen in der Wissensgesellschaft
wirklich soziale Teilhabe?

 

Um auf diese Frage eine klare Antwort zu finden, ist es hilfreich
darüber einmal ein Buch zu lesen. (z.B. Theorie der Unbildung v. Konrad P. Liessmann, oder Bildung ein Essay v. Hartmut von Hentig, oder Das Verbrechen der Vernunft Betrug an der Wissensgesellschaft v. Robert B. Laughlin)

 

Was heißt überhaupt Wissensgesellschaft?

 

Man kann es einerseits Positiv mit Konrad P. Liessmann sagen:

„Eine Gesellschaft, die sich selbst durch das „Wissen“ definiert, könnte als eine Sozietät gedacht werden, in der Vernunft und Einsicht, Abwägen und Vorsicht, langfristiges Denken und kluge Überlegung, wissenschaftliche Neugier und kritische Selbstreflexion, das Sammeln von Argumenten und Überprüfen von Hypothesen, endlich die Oberhand über Irrationalität und Ideologie, Aberglaube und Einbildung, Gier und Geistlosigkeit gewonnen haben. K.P. Liessmann kommt andererseits zu einem diametralem Ergebnis: Ziel der Wissensgesellschaft ist nicht Weisheit, auch nicht Selbsterkenntnis im Sinne des grieschischen Gnothi seauton, nicht einmal die geistige Durchdringung der Welt, um sie und ihre Gesetze besser zu verstehen. Jeder realistische Blick auf die gegenwärtige Gesellschaft belegt, dass das Wissen dieser Gesellschaft nichts zu tun hat mit Einsicht, Klugheit oder Weisheit, es lasse sich sogar mit guten Gründen die These halten, dass wir in einer „Desinformationsgesellschaft“ leben.

 

Es gehört zu den Paradoxa der Wissensgesellschaft, dass sie das
Ziel jedes Erkennens, die Wahrheit oder zumindest eine verbindliche Einsicht, nicht erreichen darf.

(Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft“ 2006 S. 26/27)

 

Was die Bildungsreformer aller Richtungen eint, ist ihr Haß auf die traditionelle Idee von Bildung. Das Menschen ein zweckfreies,
zusammenhängendes, inhaltlich an den Traditionen der großen Kulturen
ausgerichtetes Wissen aufweisen könnten, das sie nicht nur befähigt, einen
Charakter zu bilden, sondern ihn auch ein Moment von Freiheit gegen über den Diktaten des Zeitgeists gewährt, ist offenbar ein Greuel.

 

Gebildete nämlich wären alles andere als jene reibungslos funktionierenden flexiblen, mobilen und teamfähigen Klons,

die manche gerne als Resultat von Bildung sähen.

 

Nicht um Wissen geht es, sondern um ein Wissen, das wie ein Rohstoff produziert, gehandelt, gekauft, gemanagt und entsorgt werden soll, es geht – sieht man von den Sonderprogrammen für die Wissenseliten einmal ab – um ein flüchtiges Stückwissen, das gerade reicht, um die Menschen für den Arbeitsprozeß flexibel und für die Unterhaltungsindustrie disponibel zu halten.

 

,,Wenn Wissen Macht ist, wird es nicht dort zu finden sein,

wo alle sind. Und wenn es dort ist, wird es keine Macht mehr sein.''

 

Die am antiken Ideal und am humanistischen Konzept orientierte Bildung galt in erster Linie als Programm der Selbstbildung des Menschen, eine Formung und Entfaltung von Körper, Geist und Seele, von Talenten und Begabungen, die den einzelnen zu einer entwickelten Individualität und zu einem selbstbewussten Teilnehmer am Gemeinwesen und seiner Kultur führen sollte.

(Die Irrtümer der Wissensgesellschaft“ 2006 S. 52/53/54)

 

Die Kultur der Griechen hat einen bildungstheoretischen Vorrang, weil diese Kultur paradigmatisch für den Charakter der Menschheit überhaupt genannt werden kann und weil sie in ihrer Konzentration auf innere Schönheit und ästhetischen Genuß dem Verwertungsdenken der Moderne einen kritischen Spiegel vorhalten kann.

 

Die Grundthese des Neuhumanismus ist als, dass sich die Bedeutsamkeit des Menschen gerade in seiner Vielfalt und
Potentialität an jener Kultur am besten studieren lässt, die selbst erstmals den Menschen als Individuum in das Zentrum ihrer ästhetischen, politischen und moralischen Bemühungen gesetzt gesetzt hatte
.

 

In der griechischen Antike sah Humboldt noch ein Interesse am Menschen selbst verwiklicht, das in anderen Kulturen, in denen der Mensch externen Mächten untergeordnet wurde, also fremdbestimmt war - sei es durch die Religion, sei es durch das Diktat der Politik oder der Ökonomie der Moderne – nicht mehr in demselben Maße gegeben war.

 

Unter dieser Perspektive umschreibt Bildung schlechthin das Programm der Menschwerdung durch die geistige Arbeit an sich und an der Welt.

(Quelle: Die Irrtümer der Wissensgesellschaft“ 2006 S. 58/59)

Info: Bildung schützt nicht vor Faschismus!

 

Wo gefährden private Interessen die Unabhängigkeit der Wissenschaft?
An der Fachhochschule Würzburg gibt es seit kurzem eine „WAREMA Renkhoff Aula“.

An der Universität Köln finanzieren Energiekonzerne wie RWE und Eon ein “Energiewirtschaftliches Institut”. An der Uni München gibt es ein “Zentrum für Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht”, das ausgerechnet von Arbeitgeberverbänden finanziert wird und an der Berliner Humboldt-Universität wurde von mehreren Unis das “Alexander von Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft gGmbH” gegründet, das laut Satzung seinen Geschäftsbetrieb durch Mittel der Google-Tochter “GFI Gesellschaft für Internetforschung gGmbH” und weiterer Drittmittelgeber finanziert. Und das sind nur einige Beispiele.

 

Die meisten Kooperationen der fast 400 deutschen Hochschulen mit Unternehmen sind dagegen kaum bekannt. Es gibt keine Veröffentlichungspflicht für Kooperationsverträge zwischen Hochschulen und Unternehmen. Wie problematisch ist diese Verbindung von Wirtschaft und Wissenschaft, von Geist und Geld? Macht Wirtschaft Uni?

Gemeinsam mit Transparency International Deutschland und dem freien zusammenschluss von studentInnenschaften will die taz genauer hinsehen – und bittet die Leserinnen und Leser um Mithilfe. Unter: Hochschulwatch

Macht PISA dumm?

Ein Interview von Jens Wernicke / einige Auszüge:


PISA wird von der OECD organisiert. Man mag daher nicht recht glauben, dass das Testen in dem von Ihnen angedeuteten Sinne dem reinen Selbstzweck dient … Andererseits kann doch auch die OECD kein Interesse daran haben, allerorten Testeritis auszulösen ohne dass dabei wirkliche Qualitätsverbesserungen für das Bildungssystem herausspringen?

 

Die OECD will mit PISA offenbar erreichen, dass die Institution Schule zukünftig in stärkerem Maße wirtschaftlichen Interessen zuarbeitet. Das hat sie inzwischen übrigens auch schon erreicht, denn mit den Bildungsstandards und den zugehörigen Tests wird der Schule ja gerade das letzte kritische Element gründlich ausgetrieben. Sie soll fortan einfach brauchbares, nein brauchbareres Menschenmaterial produzieren.
Es geht aber wohl auch darum, das Bildungswesen immer stärker zu privatisieren. Und so was können Sie nur legitimieren, wenn Sie die Illusion erzeugen, dass die privaten Anbieter alle eine ordentliche Qualität erzeugten – und dass schlechte Qualität allerorten gleichermaßen selektiert wird. Dazu müssen Sie am Ende einfach alle Schulen mit dem gleichen Test vergleichen.


(…)

 

Wie bitte?

Einer der PISAner hat es fachintern bereits im Vorfeld sehr offen formuliert. Es sagte: „Ich mache seit 25 Jahren Mathematikdidaktik und die Lehrer begreifen es nicht. Jetzt zeige ich ihnen, was ich von ihnen will.“ Eine solche Agenda verfolgt man natürlich nur, wenn man das eigene Konzept für die Weltverbesserung an sich hält. Der Kollege hat dabei nur übersehen, dass man eine vielleicht gute Idee vergewaltigt, wenn man sie in standardisierte Formen gießt.
Strukturell und bildungspolitisch sind jedoch nicht irgendwelche frustrierten Didaktiker zentral.

Elisabeth Flitner hat vor einiger Zeit exemplarisch herausgearbeitet [PDF - 40.8 KB], welche Testkonzerne PISA durchführen und welches Markterschließungsinteresse diese insbesondere in Deutschland haben. Daher wurde PISA auch nirgendwo so aggressiv vermarktet wie hier. Es ging und geht vor allem darum, dieses bis dahin immer sehr geistig orientierte Land für eine gewaltige Testindustrie zu öffnen und geistige Beschränkung als Fortschritt zu vermarkten.


(…)


Das hört sich im Ganzen so an, als ob Sie den „PISA-Schock“ für eine Art organisierten kollektiven Irrtum hielten…

Sie als Journalisten haben hier jedenfalls kollektiv versagt. Sie haben nie die Frage gestellt: Wie viele richtige Kreuze mehr als ein deutscher Schüler hat denn so ein finnischer Schüler gemacht? Nie gefragt: Ist das denn überhaupt ein

relevanter Unterschied? Kann man in 90 Minuten wirklich eine sinnvolle Aussage über ein Schulsystem generieren? Wollen wir gut sein in einem Test, in dem ausgerechnet die ostasiatischen Schulmühlen gut abschneiden? Kann man aus einem Neuntklässlertest Aussagen über Kindergartenbildung ableiten? Wer verdient an diesen Tests? Bei jeder Kreissparkassenbilanz hätte es kritischere Nachfragen gegeben. Und selbst bei den wenigen Medien, bei denen im Feuilleton die Standardisierung des Geistigen kritisch diskutiert wurde, haben die politischen und die Bildungsredaktionen die Skandalisierungsmasche der Testkonzerne mitgetragen.


Der PISA-Schock hatte aber doch heilsame Wirkungen auf das Schulsystem.

Die sogenannten Bildungsstandards verfolgen dabei den einzigen Zweck, dass nur noch als Bildung gilt, was standardisiert testbar ist. Schule soll also zukünftig ihren Gegenständen das Bildsame noch mehr entreißen als sie dies bereits bisher getan hat. Das aber ist das genaue Gegenteil des Notwendigen.

Konsequenterweise muss man daher fordern: Schluss mit PISA! Da PISA aber nur den größten Tanker im Meer der Menschenmesserideologie darstellt, wäre das nur der erste Schritt. Tatsächlich muss die Schule noch breiter aus dem Würgegriff der Testinstitute und Standardisierer befreit werden. Insofern geht es auch darum, mittelfristig etwa das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen und all seine Parallelstrukturen in den Ländern abzuschaffen. Die Bildungsstandards sowie die Gesamtstrategie der Kultusministerkonferenz zum Bildungsmonitoring müssen außer Kraft gesetzt werden.

 

Alles in allem…: Macht PISA also dumm?

Es ist sicherlich nicht inkorrekt, diese Frage mit Ja zu beantworten.


Das Interview erschien zuerst in stark gekürzter Form in der taz vom 27. November 2013.


Wolfram Meyerhöfer wurde 1970 in Woldegk (Vorpommern) geboren. Er studierte Mathematik und Physik an der Universität Potsdam, wo er auch 2004 promovierte. Inzwischen ist er Professor für Mathematikdidaktik an der Universität Paderborn. Er ist Mitglied in den Beiräten des Deutschen Philologenverbandes, der Gesellschaft Bildung und Wissen und der Stiftung Bildung.

Das ganze Interview können Sie hier nachlesen: http://www.nachdenkseiten.de/?p=19428#more-19428

 

Wichtige Ergänzung!

Anpassung an eine Scheinwelt
Wie die OECD mit PISA ein neues, an einer ökonomischen Fiktion orientiertes Bildungskonzept durchsetzen will.
Von Silja Graupe und Jochen Krautz
Hier das PDF des Essays [PDF - 65 KB]

 

Schwarze Pädagogik

Emotionale Gewalt in der Grundschule …

soll Kinder auf die Leistungsgesellschaft vorbereiten:

Nicht der intelligente Mensch, sondern die geforderte Leistung ist wertvoll!

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama_3/panoramadrei961.html

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, über Nacht Ihre Persönlichkeit zu verändern, welche Änderungen würden Sie vornehmen?

Bildung – mit diesem Begriff
wurde einmal nichts anderes als das Autonomiebestreben des aufstrebenden Bürgertums gegenüber dem Adel verbunden

verselbständigte sich nach vorübergehenden, kurzfristigen Hoffnungen, die das Proletariat auf Emanzipation in sie hegte, zu einer Quelle der Herrschaft über das Bestehende.

Nicht zufällig lautete ein wichtiger Slogan der alten Arbeiterbewegung Wissen ist Macht“ – man versprach sich von aufgeklärten Menschen eine vernünftigere Welt.

Ein starker Flügel der 68’er Bewegung wurde als die „Antiautoritären“
bezeichnet. In ihnen lebte die Vision der befreiten Gesellschaft durch
„bessere“ Kinder fort; nicht zu guter letzt waren sie es, die die Prügelstrafe aus den Schulen verbannten und den Wissenschaftszweig der Pädagogik mit befreitem Leben füllten.

http://www.sopos.org/dossier/Bildungs-_und_Sozialabbau-editorial.php3

Bildung und Bewußtsein im Fegefeuer des Neoliberalismus       Menschen aller Länder, vereinzelt Euch!

von Marcus Hawel

Bildung ist mehr als bloße Geistesbildung, mehr als die Befreiung im Geiste. Man kann vielleicht in einem ganzen Leben eine Menge und zumeist gescheiter Bücher gelesen haben und trotzdem nicht gebildet sein. Es spricht doch für sich selbst, wenn es heißt, daß hundert Schüler zur Zeit Montaignes - einem großen Skeptiker, der im 16. Jahrhundert lebte - die Syphilis bekommen hätten, bevor sie im Aristoteles bis zum
Kapitel über die Mäßigung angekommen waren.

 

Das Wichtige sollte man also  früher erfahren und nicht erst aus Büchern ziehen müssen. Das Gelesene oder Gelernte will auch selbst erprobt werden. Das soll heißen, daß Bildung und Erziehung nicht vom alltäglichen Leben getrennt sein dürfen.

 

Sie müssen einander durchdringen mit Liebe und Wahrheit. Besser wäre es also im Zusammenhang mit Bildung nicht nur von Bewußtsein zu sprechen, sondern auch von der Erfahrung und von der gekonnten Verrichtung, dem Tätigwerden - also der Praxis - dem aktiven Gestalten von Verhältnissen und dem Eingreifen in gesellschaftliche Prozesse.

 

Der Begriff der Bildung war ein dialektischer. Ohne groß entfalten zu müssen, was Dialektik ist, wird man verstehen können, was damit
gemeint sein kann. In einem Interview zu Kernkraftwerken äußerte Herbert Marcuse einmal folgendes: "Wir hätten nicht die Scheiße, die wir haben, wären wir nicht die Scheiße, die wir sind.
" Und man muß ergänzen: Wir wären nicht die Scheiße, die wir sind, hätten wir nicht die Scheiße, die wir haben. Obwohl diese Bemerkung sich fast von selbst erklärt, möchte ich einige sachlichere Gedanken hinzufügen: Das Individuum befindet sich in einer äußerst widersprüchlichen Situation.

"Bildung ist so sehr Bildung des äußeren Ganzen, wie gerade
damit Bildung seiner selbst. Niemand ist gebildet, der nicht in Hingabe an seine eigene Sache ihren Zusammenhang mit dem Ganzen erkennt."
(Horkheimer) Oder was dasselbe meint: es gibt
ein dialektisches Spannungsverhältnis zwischen dem gesellschaftlichen Ganzen und den Individuen.

 



http://www.sopos.org/aufsaetze/3a8d9defcced7/1.phtml

 

 



 

Äußerungen geben immer die Positionen und Auffassungen der Ursprungsquelle wieder: Das Institut für Ernährung & Gesundheitsmanagement macht sich Positionen und Äußerungen aus verlinkten Artikeln, Berichten oder Dokumentationen nicht zwingend zu eigen. Sie sollen aber immer zum Nachdenken anregen. (...)

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